Affäre - ein Anlass, sich Hilfe zu gönnen

Geschichten über Affären, Seitensprünge und Außenbeziehungen kennen wir alle. Durchschnittlich sieht es so aus, dass sich mehr als die Hälfte der Menschen mindestens einmal im Leben in eine Affäre verfängt, und so gut wie jeder - entweder als der verletzende oder der verletzte Partner - erlebt selbst einmal im Leben eine Affäre. Bei den Paaren, die wir in unserer Praxis sehen, ist eine Affäre einer der häufigsten Anlässe, um eine Emotionsfokussierte Paartherapie zu machen.

Meist die Spitze des Eisbergs

Eine Affäre im Rahmen einer festen Beziehung ist immer eine Zäsur. Wir erinnern uns lang daran, selbst dann, wenn die Partnerschaft diese gut übersteht. Dabei ist eine Affäre meist die Spitze des Eisbergs in einer partnerschaftlichen Krise, die oft schleichend eingetreten ist.

Eine Affäre ist meist ein Symptom für emotionale Distanz und fehlende Wärme zwischen zwei Partnern. Emotionale Kälte ist nie die Absicht der Liebenden, aber es ist etwas, was entsteht, wenn wir uns emotional verpassen. Wenn wir unsere Liebste, unseren Liebsten nicht oder nicht mehr als zugänglich, zugewandt und für uns engagiert erfahren, bringt uns das immer mehr in eine emotionale Unsicherheit, Bedürftigkeit und Einsamkeit. Wir können dadurch anfälliger werden, uns in dieser emotionalen Leere anderen Dingen, Arbeit oder Hobbies, oder eben auch anderen Menschen zuzuwenden.

Der Eisberg und der Teufelskreislauf

Der Eisberg ist die gewachsene Distanz oder Kälte in unserer Partnerschaft. In der Regel ist dafür ein so genannter Teufelskreislauf verantwortlich, den beide Partner miteinander entwickelt haben. Ein Beispiel: Eine Frau fühlt sich oft allein gelassen von ihrem Mann, der seine ganze Energie auf seine Karriere zu richten scheint. Sie fordert von ihm, dass er mehr Zuhause ist und kritisiert ihn, wenn er spät aus dem Büro kommt oder wieder einmal das Wochenende am Computer verbringt… Er fühlt sich oft abgelehnt und hat das ungute Gefühl, es seiner Frau nie recht machen zu können. Er versucht durch Erfolg im Beruf bei ihr zu punkten, denn so hat er es im Leben gelernt. Spürt er dann ihre Kritik, flüchtet er sogar in seine Arbeit. Sie fühlt sich dadurch immer mehr verlassen, einsam und unwichtig und fordert noch mehr von ihm… - hier ist so ein Teufelskreislauf entstanden, und dieser kann sich über Jahre und Jahre aufbauen und verstärken - Glaubenssätze und Interpretationen darüber, wie unsere Partner und wir selbst “ticken”, eingeschlossen.

In unserem Beispiel sind beide Szenarien denkbar: Sie startet ein neues Hobby in einem Sportverein, knüpft neue Kontakte, und eines Abends bei einem Vereinsfest – ihr Mann ist unterwegs auf einer Dienstreise – passiert es, sie fühlt sich allein und sehnt sich nach Verständnis und Nähe, und plötzlich ist da dieser Sportskollege, der sich schon immer für sie interessiert hat…

Oder andersherum: Er ist wieder einmal bei einem Firmen-Abendessen auf einer Messe. Sein Tag war sehr anstrengend. Er fühlt sich nicht sehr motiviert, nach Hause zu gehen, denn er befürchtet, seine Frau wird zur Recht ärgerlich sein, da er nicht Bescheid gesagt hat, dass es heute später wird. Er ist frustriert und sehnt sich nach etwas Wärme, dann fließt Alkohol und da ist plötzlich diese nette Kollegin aus der anderen Filiale…

Was geht eigentlich schief?

In einem Teufelskreislauf sind beide Partner sowohl Opfer als auch Täter. Doch was genau geht eigentlich schief? Partnerschaftlicher Stress kann sich in emotionaler Kälte und Rückzug, in heftigen Streits oder in beidem äußern – in allen Fällen ist eine emotionale Abwärtsspirale in Gang, in der es beiden Partnern nicht gelingt, eigene verletzliche Gefühle zu spüren und den Mut aufzubringen, diese ohne Vorwürfe und ohne Abwehr mit dem geliebten Partner zu teilen. Diese Abwärtsspiralen von Angriff-Angriff oder Angriff-Rückzug über Monate oder Jahre ziehen die beiden Geliebten und ihre Beziehung in die emotionale Leere. Und wenn dann innerlich alle Hoffnung verloren ist, bleibt nur noch Rückzug-Rückzug als Möglichkeit übrig - oft die Vorstufe der Trennung.

Affären entstehen meist im Klima eines Teufeskreislaufes. Die gute Nachricht ist: Partner, die sich bei einander emotional aufgehoben fühlen, sich sicher geliebt und gebunden fühlen und im Leben spüren, dass Ihr Partner für Sie da ist und dass sie sich emotional erreichen können, werden gewissermaßen immun gegen Affären. Eine liebevolle, tief verbundene Liebe mit einem Menschen ist das Kostbarste, was wir in unserem Leben erfahren und: aktiv gestalten können. In Liebe verbundene Partner setzen das nicht aufs Spiel.

Eine Affäre ist eine Bindungsverletzung

Wenn wir unerwartet durch eine Affäre verletzt werden, schlägt es uns emotional den Boden unter den Füßen weg. Beide Partner sind direkt emotional überfordert. Der verletzte Partner gleitet meist automatisch in vorwurfsvolles und misstrauisches Verhalten. Der verletzende Partner ringt mit Schuldgefühlen und dem Wunsch, sich zu verteidigen. Er oder sie trifft manchmal die sofortige Entscheidung, die Affäre zu beenden – und das nicht immer in Offenheit, um seinen Partner nicht noch mehr zu verletzen. Hier wird ein bestehender Teufelskreislauf direkt weiter angefeuert. Was ist also zu tun?

Ist eine Affäre das Ende der Beziehung?

Manchmal kann es so sein. Manche Bindungsverletzungen sind zu massiv, so dass Vertrauen nachhaltig unmöglich wird. Aber es muss nicht! Wohin auch immer der Weg eines Paares führt – es ist wichtig zu verstehen, wie es emotional dazu kam. Woraus bestand der Eisberg in der Tiefe? Was ist der Teufelskreislauf? Eines ist ziemlich sicher: Eine Beziehung, die auf Dauer oder wiederholt mit der Unsicherheit und dem Schmerz von Nebenbeziehungen lebt, ist eigentlich zum Scheitern verurteilt. Wenige Ausnahmen von so genannten offenen, polyamorösen Beziehungen, in denen beide Partner emotional sicher sind, mag es geben – hier erlauben sich Partner neben ihrer Hauptbeziehung Nebenbeziehungen meist unter Einhaltung klarer kontrollierbarer Regeln. Auch hier empfehlen wir jedem Paar, in der Tiefe zu verstehen, welche Emotionen wirken und wofür diese Verabredungen emotional stehen, um die Liebe auf Dauer nicht zu riskieren.

Erste-Hilfe nach einer Affäre

  1. Suchen Sie sich Hilfe, wenn Sie spüren, dass Sie sich in einen verletzenden Kampf miteinander verfangen! Eine Affäre ist eine akute Krise für Ihre Liebe. Sie ist oft die Spitze des Eisbergs. Ihre Partnerschaft ist es wert, den Eisberg zu ergründen - darin steckt die Chance für Klärung und Heilung!

  2. Für den verletzenden Partner: Beenden Sie die Affäre direkt. Berichten Sie Ihrem Partner alles, was er oder sie wissen muss, damit es im Nachhinein keine Überraschungen mehr geben kann. Verstehen Sie, dass es eine Zeit dauern wird, bis Ihr Partner Ihnen wieder vertrauen kann. Gestalten Sie diese Zeit aktiv miteinander – dann kann die Affäre zu einem späteren Zeitpunkt zur Vergebung finden.

  3. Für den verletzten Partner: Es ist wichtig, dass Sie wissen, was passiert ist, damit es im Nachhinein keine Überraschungen mehr geben wird. Doch ersparen Sie sich das Bohren nach allen Details – es ist nur Salz in Ihrer Wunde. Damit die Wunde heilen kann, gilt es sich darum zu kümmern – das geht nur gemeinsam mit Ihrem Partner! Es ist normal, dass es eine Zeit dauert, bis Sie Ihrem Partner wieder vertrauen können, und die Affäre vergeben können. Auch wenn es schwer ist: Versuchen Sie, ihrem Partner Ihre verletzlichen Gefühle zu zeigen statt Kontrolle auszuüben.

  4. In der akuten Aufdeckung einer Affäre kann Ihre emotionale Not überwältigend sein. Wenn wir Unsicherheit empfinden, ob unsere lebenswichtigen Bindungspersonen noch für uns da sind, oder wir ihnen noch vertrauen können, fühlen wir uns in der Tiefe unseres Seins in Gefahr – und so reagiert auch unser zentrales Nervensystem – damit sind Sie ganz normal! Seien Sie gewiss: Es gibt viele Paare, die eine Bindungsverletzung überwinden, dadurch dass Sie Ihren Teufelskreislauf verstehen und nachhaltig umwandeln.

  5. Prophylaxe hilft! Wir Menschen müssen lernen, wie wir Liebe und Partnerschaft gestalten, damit wir uns aufgehoben, akzeptiert und angenommen fühlen. Leider lernen wir das in unserer Gesellschaft bisher kaum bis gar nicht. Lesen Sie als Paar das Buch "Halt mich fest" und "Liebe macht Sinn" von Dr. Sue Johnson. Es wird Ihnen Schlüsselideen geben für Ihre Partnerschaft! Liebe ist kein unverständliches Mysterium. Es ist unser Grundbedürfnis, und wir können es miteinander wundervoll gestalten lernen.

Ja, eine Beziehung kann eine Affäre überleben!

Den Paaren in unserer Praxis helfen wir als erstes, die schädliche Folgen einer Affäre zu unterbinden. Wenn das gelingt, öffnet sich die Tür für das Paar, um als Team gemeinsam die Abwärtsspirale ihres Teufelskreislaufes zu erforschen und eine Alternative zu entwickeln, in der beide Partner sich als Mensch mehr gesehen, angenommen und geliebt fühlen. Im Laufe des Prozesses, den Paare hier gehen, kommt es meist zu einem späteren Zeitpunkt dazu, dass eine Affäre nachhaltig vergeben werden kann.

Die Paare, die diesen Weg gehen, lernen auf einer tieferen Ebene, für einander da zu sein. Dieser Weg ist nicht leicht und nicht ohne Tränen. Er bedeutet eine größere Offenheit als bisher, er bedeutet, sich verletzlicher zu machen, und Ihrem Partner mehr von sich selbst zu zeigen. Und es bedeutet, dass Sie Ihren Partner abholen lernen, wenn er oder sie sich verletzlich zeigt.

Paare, die diesen Weg miteinander gehen, erfahren danach meistens eine tiefere Nähe, Sicherheit und Offenheit in ihrer Liebesbeziehung als je zuvor. Es ist die Chance, uns noch mehr als Mensch zu fühlen und als Mensch zu wachsen – durch die Verbundenheit mit der Person, die wir lieben. Wenn wir als Paar schaffen, für einander da zu sein, sind wir - das spiegeln auch die aktuellen Ergebnisse der Bindungsforschung - seelisch und körperlich gesünder, stärker, autonomer und können unsere Aufgaben in der Welt besser bewältigen.

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Die begrenzte Wirksamkeit bisheriger Paartherapien verlangt neue Methoden…
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