Nicht-Eingestimmtsein ist menschlich

Manchmal gibt es das Missverständnis, dass die Bindungstheorie „uneingeschränkte emotionale Verfügbarkeit“ und „unbedingtes feinfühliges Reagieren“ von der Mutter, von dem Vater oder auch zwischen Partnern fordert.

Fehleinstimmung reparieren zu können, ist das Wichtigste

Dass die Bindungswissenschaft vorgibt, Eltern oder Partner sollen perfekt sein, stimmt nicht. Teil der Erziehung ist genau, dass Eltern Fehler machen, dass es Momente gibt, in denen sie nicht emotional eingestimmt sind, ihre Kinder Gefühle von Unsicherheit, Traurigkeit oder Alleinsein spüren – und im besten Falle erleben, wie die Eltern die Beziehung wieder aufnehmen, empathisch reagieren und die Verletzung reparieren. Nicht-Eingestimmtsein ist menschlich und riskiert nicht die Bindung – im Gegenteil, wenn Eltern ihren Kindern lehren, Momente von Bindungsunsicherheit, Verletzungen oder Fehleinstimmung zu reparieren, stärkt es das Sicherheitserleben und die Beziehungskompetenz ihrer Kinder. Wichtig ist, dass Kinder das erleben.
Wenn Eltern selbst nicht wissen, wie sich Bindung anfühlt und kein Bild davon haben, wie Beziehungsabbrüche emotional zu reparieren sind, dann erst hat es negative Folgen auf die Bindungssicherheit der Kinder. Wie kann ich mit meinem Kind eine Sprache beibringen, die ich selbst erst anfange zu lernen? Wie kann ich mit meinem Kind einen Tanz zeigen, wenn ich mit meinem Partner oder meiner Partnerin selbst erst die ersten Schritte mache?

Eltern haben normalerweise die Absicht, so gut wie möglich für ihre Kinder zu sorgen. Jedes Bild oder jeder kultureller oder gar politischer Mainstream, der vorschreibt, was “gut sorgen” heißt, kann Eltern, die nach Orientierung suchen und selbst unsicher sind, in Verzweiflung führen. Während der NS-Zeit und noch lange danach gab es die verbreitete Vorgabe, dass Eltern ihr Kind nachts weinen lassen sollten. Eltern, die ein Gespür für Bindung hatten, hat dies emotional zermürbt. Manche haben sich an diese Autorität gehalten, andere haben es im besten Fall anders gemacht und ihr Kind nicht allein gelassen, sondern haben seine Emotionen reguliert – das, was ein kleines Kind noch nicht allein kann, es braucht seine Bindungsfigur dafür.
Statt in der Überforderung von Eltern einen Grund zu sehen, die Bindungstheorie anzuzweifeln, ist es hilfreicher, einander zu helfen, Gefühle von eigener Unzulänglichkeit mittels neuer korrigierender Erfahrungen in Gefühle von Sicherheit und Kompetenz umzuwandeln. Ein Elternteil, das sich sicher und kompetent fühlt, hat damit auch mehr Ressourcen, das eigene emotionale Gleichgewicht zu halten und für sein Kind ansprechbar, responsiv und emotionale engagiert da zu sein.

In Familien läuft es schief, wenn Eltern und Kindern in ein negatives Muster geraten, worin negative Selbst- und Fremdbilder zu ungünstigem Verhalten führen, die in einer Feedbackschleife genau dieses negatives Bild bestätigen und weiter verfestigen. Mehr Informationen über EFT Familientherapie (EFFT) finden Sie auf Lovie - EFT School of Love

Wir haben erst in den letzten Dezennien angefangen zu lernen, wie wir Bindungsbeziehungen, die uns zufriedener, glücklicher, resilienter und gesünder machen, gestalten können. Und jeder Anfang ist schwierig. Die Bindungstheorie hilft uns im Kern zu erfassen, was wir als Menschen sein können und welche Potenziale wir hier als Homo-Vinculum noch ausschöpfen können.

„Wir müssen anerkennen,
dass wir mehr sind als Homo sapien.

Wir sind HOMO VINCULUM –
wir binden uns an andere.

Und diese Verbundenheit ist es,
was uns rettet.

So war es immer.”

Sue Johnson

 

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