Gehen Liebe und Autonomie zusammen?

Liebesbeziehungen sind die perfekte Umgebung für Koregulation. Wenn wir autonom in die Welt hinausgehen, benutzen wir Selbsregulation. Selbstregulation ist aber ein Energie aufwendigerer Weg als Koregulation, da Koregulation der natürliche Grundzustand unseres Gehirns ist. Funktionierende Liebe ist für uns wie ein großartiges Haus zum Leben, während Autonomie eine schöne Ferienwohnung für einen bereichernden Perspektivenwechsel ist.

Von 2000 bis 2010 praktizierte und unterrichtete ich Zen in der Rinzai-Tradition. Im Jahr 2011 entschieden Christine Weiß und ich, uns zusammen auf die Arbeit mit Paaren und Sue Johnsons bindungsbasierte, emotionsfokussierte Therapie (EFT) zu fokussieren. Regelmäßig fragen Klient*innen, wie EFT & Zen, Bindung & Nicht-Bindung, Liebe & Autonomie zusammenhängen. Ich zerbreche mir seit einem Jahrzehnt oft den Kopf über diese Frage.

Warum brauchen Erwachsene Bindung?

Wir Menschen sind uns bei unserer Geburt alle ziemlich ähnlich und werden mit dem Bedürfnis nach Bindung geboren. Wir brauchen Bindung, um zu leben, als Kind und als Erwachsene. Obwohl wir während unseres Lebens sehr unterschiedlich werden, bleiben unsere Bindungsbeziehungen unser Zuhause – sie können uns Kraft zum Leben und Trost beim Sterben geben.

Als EFT-Paartherapeut*innen sind wir jedes Mal, wenn wir einem Paar begegnen, wieder erstaunt über die Einzigartigkeit und tiefe Basis ihrer Liebesbeziehung. Paare sind sich nie in ihrem emotionalen Tanz und dem gemeinsamen Weg zu Wachstum gleich. Wie einzigartig sie auch sein mögen, sie wünschen sich alle ein Zuhause, einen Rückzugsort, an dem sie sich beieinander sicher aufgehoben fühlen, sich fallen lassen können, zusammen wachsen und von wo aus sie sich in die Welt hinaus bewegen können.

„Wenn Bindungsbeziehungen zufriedenstellend funktionieren, macht man die Erfahrung, dass sich Distanz und Autonomie hervorragend mit dem Verlass auf andere und der Nähe zu ihnen vereinbaren lassen.“

Mario Mikulincer und Philip R. Shaver, 2016

Bindungsbeziehungen sind die perfekte Umgebung für Koregulation. Durch des anderen Augen, Stimme und Umarmungen fühlt man sich mit seinen Gefühlen nicht alleine. Das hilft, runterzukommen und das emotionale Gleichgewicht wiederzufinden. Koregulation passiert im limbischen Teil unseres Gehirns, dem Sitz unserer Emotionen. Regulierung findet also dort statt, wo sie im Gehirn entstehen – ein effektives Vorgehen, welches wir auch mit den Säugetieren teilen.

Why we hold hands: Dr. James Coan at TEDxCharlottesville 2013

Was sind die Vor- und Nachteile von Nicht-Bindung?

Gleichzeitig hat mein Zen-Meister Rients Ritskens mir in den Jahren, in denen ich in seiner Zen-Schule meditiert und unterrichtet habe, gezeigt, dass auch Nicht-Bindung uns ein zweites Zuhause bieten kann – die Erleuchtung als Ort von Trost und Freude, das einfache Sein im Hier und Jetzt. Ein Daseinszustand, der im Zen mithilfe von nahtodähnlichen Erfahrungen herbeigeführt wird. Auch aus dem Extremsport und der Medizin ist bekannt, wie solche Perspektivenwechsel unser Leben bereichern können.

Bindung ist eine großartiges Haus zum Leben,
Nicht-Bindung eine tolle Ferienwohnung für einen bereichernden Perspektivenwechsel.

Zen ist das Mekka der Selbstregulation. Wenn ich meditiere, bin ich alleine – des anderen Stimme, seine Augen, seine Berührungen – das alles ist nicht da. Selbstregulation wurde in der psychologischen Forschung viel untersucht. Sie wird generell über den präfrontalen Kortikalis gesteuert, die Region in unserem Gehirn, die direkt hinter unserer Stirn sitzt – da, wo Yogi das dritte Auge erahnen – und, pauschal gesagt, der Sitz unserer Selbstdisziplin. Der Forscher Dr. James Coan geht davon aus, dass Selbstregulation eine Energie aufwendige und schwierigere Methode ist als Koregulation, weil Koregulation der natürliche Grundzustand unseres Gehirns ist. Es ist für uns ungewöhnlich, alleine zu sein und alleine unsere Gefühle zu regulieren. Kurzgefasst: Bindung ist ein großartiges Haus zum Leben, Nicht-Bindung und Autonomie eine tolle Ferienwohnung für einen bereichernden Perspektivenwechsel.

„Wir alle werden in Hilflosigkeit und vollständiger Abhängigkeit geboren, und wir alle sind sterblich und wissen darum. Die einzige Möglichkeit, mit dieser Verletzlichkeit auf gesunde Weise umzugehen, besteht darin, den Kontakt zu anderen zu suchen und einander Halt zu geben. Nur so können wir gelassen und gestärkt in die Welt hinausgehen.“

Jonathan Shay, Odysseus in America

Zwischen dem Haus der Bindung, wo unser Leben anfängt und dem Haus der Nicht-Bindung, wo unser Leben aufhört, liegen viele Orte, an denen wir uns als Mensch aufhalten können. Ich bin froh, durch Zen über Nicht-Bindung gelernt zu haben. Und ich bin überaus glücklich, mit meiner lieben Frau Christine mein Zuhause in Bindung gefunden zu haben und dass wir durch unsere EFT-Therapie Paare, Einzelpersonen und Familien auf ihrem Weg zu einem gemeinsamen sicheren Rückzugsort begleiten dürfen.

Hendrik Weiß, September 2021

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